Der Begriff Lebenssäule
verbindet zwei zunächst gegensätzlich erscheinende Vorstellungen,
nämlich Leben als etwas dynamisches und Säule als etwas statisches.
Das Leben bedeutet Bewegung und selbst über den Tod hinaus kreisen
die Elektronen um den Atomkern. Eine Säule besteht solange sie in
sich ruht. Sie trägt nicht nur ihr eigenes Gewicht, sondern definiert
sich im allgemeinen durch ihre Aufgabe, eine andere Last zu tragen.
Überfordert in
ihrer Tragfähigkeit wird sie brüchig und schwach. Wenn ihre Lebenszeit
abgelaufen ist, gibt sie ihre Bestandteile wieder in den Kreislauf
des Lebens. Stolze
Paläste beugen sich zur Erde und werden wieder zu Staub.In
diesem Wechselspiel zwischen Bewegung und Ruhe, dynamischer und statischer
Kraft sucht unsere Wirbelsäule ihr Gleichgewicht. Während
ihrer Erschaffungsphase bewegt sich die Wirbelsäule gewichtslos im
mütterlichen Lebenswasser. Doch nach einigen Monaten zieht es den,
für den aufrechten Gang bestimmten, Menschen seiner Bestimmung entgegen.
In den ersten drei Jahren lebt gemäß der indischen Philosophie der
Geist Shivas, laut Rudolf Steiner der Christusgeist noch weitgehend
unverhüllt in den Kindern.
Ihre Wirbelsäule
ist kerzengerade aufgerichtet, frei beweglich und durchgängig.Die
Schwerkraft der Erde und die Last der Welt hat sie noch nicht gekrümmt.
Oft strahlt
ein überirdisch anmutendes Licht durch ihre Augen, aus ihrem Herzen
und ihrem ganzen Körper, wärmt die Herzen ihrer Mitmenschen und stimmt
sie zuweilen etwas wehmütig in Erinnerung an ihren eigenen Ursprung
oder eine in Vergessenheit geratene Vision oder Bestimmung.
Doch das Leben
hat uns nicht nur als leuchtende Säulen geformt, sondern auch als
dynamische Mitgestalter des Lebens, als eigenständige Träger von Verantwortung,
als kreative Sucher neuer Wege, der inneren Sehnsucht nach Licht eine
äußere Entsprechung zu schaffen. Und
das Leben hat unsere Wirbelsäule dafür vorbereitet. Sobald wir die
schützende und stützende mütterliche Säule verlassen, um auf eigenen
Beinen, entgegen der irdischen Schwerkraft, unseren Weg ins Leben
zu finden, passt sich unsere Wirbelsäule der für sie vorgesehenen
Aufgabe an.
Mit 32 Knochen,
64 Gelenken und 26 Teilgelenken ist sie bereits bei der Geburt vorbereitet
für Geschmeidigkeit und Flexibilität. Ihr Aufbau mit ständigem Wechsel
von hartem Knochen und weichen Bandscheiben sowie den physiologischen
Schwingungen in der Frontalebene ermöglicht eine federnde Belastbarkeit
und eine rhythmisch schwingende, tanzartige Gangart.Der
Zug der irdischen Schwerkraft trainiert ihre federnde Aufrichtungskraft
und regt die Kreation immer neuer Tanzarten durchs Leben an. Die
Aufrichtung der Wirbelsäule zum Menschen ermöglicht den weiten und
planenden Blick nach vorn, aber auch das Übersehen des Naheliegenden,
das Hochschauen zum Himmel, aber auch das Herabsehen auf Niedrigscheinendes,
die Verletzbarkeit des weichen Bauches, aber auch die Offenheit für
Gefühlsaustausch bis hin zu direkter, ganzkörperlicher Verbindung.
Und erst
die kerzengerade Aufrichtung ermöglicht einen freien Energiefluß entlang
der Wirbelsäule bei entspannter, vorderer und hinterer Haltemuskulatur
und freier Atmung im Hals-, Brust-, Flanken-, Bauch- und Nierenbereich.
Erst dann ist auch unser Bewußtsein ganz frei für konstruktive und
erhellende Gedanken und Gefühle. Doch das Leben auf der Erde bedeutet
auch Trennung und Mühsal.
Der Trennungsschmerz
von der Geborgenheit im Schutze der mütterlichen Wirbelsäule und andere
nicht tragende kindliche Erfahrungen schließen unseren Brustkorb oft
zu eng um unser verschrecktes Herz. Wir verlernen frei zu atmen und
zu fühlen. Oft
lasten wir uns unbewusst mehr auf als unsere Wirbelsäule tragen kann
und unsere Wirbelsäule verkrümmt sich unter der Last des Lebens. Fällt
uns das demütige Beugen schwer, bricht womöglich ein hartes Schicksal
unsere Halsstarrigkeit, krümmt unseren Rücken und zwingt unseren Blick
wieder auf die Erde.
Vielleicht meinen
wir auch, allein im Leben zu stehen und können uns nirgends anlehnen
und entspannen. Wie eine Säule suchen wir unseren Lebenssinn darin
Lasten zu tragen.Und
nicht nur die von heute. Die meiste Last laden wir unserer Lebenssäule
auf durch die Neigung nach vorne unter die erdachte Last von morgen
oder nach hinten aus Angst den Halt von gestern loszulassen.
Auch in Beziehungen
achten wir oft nicht auf das Vorbild der Säulen, die uns zeigen, dass
erst der richtige Abstand zueinander und das in sich Ruhen jeder einzelnen
Säule ein Gebäude tragfähig macht. Und
wie viele Säulen schenken unserem Leben Sinn nur durch ihre Schönheit
und ihren Verweis auf die Verbindung von Himmel und Erde.
Der Mensch, der
sich entgegen der Last der Erde aufrichtet und im Bewußtsein der
Polaritäten und der Tiefe des Lebens sein Leben tanzt, bereichert
die Schöpfung mit ihren höchsten Sinn. Wir
können dem Säugling nicht den Trennungsschmerz von der Mutter nehmen.
Aber wir
können unsere Kinder, unsere inneren Kinder und unsere Mitmenschen
immer wieder liebevoll in den Arm und in den Schutz der Kraft unserer
Wirbelsäule nehmen. Wir
merken vielleicht nicht, wenn sich ein kleines Kind unbewusst die
Last eines Erwachsenen oder die Verantwortung einer ganzen Sippe auf
den Rücken lädt.Aber
wir können uns bemühen, unsere eigenen Beschränkungen und unverarbeiteten
Lasten nicht unbewusst an unsere Kinder und Mitmenschen weiterzugeben.
Wir sollen unseren
Kindern und Mitmenschen auch nicht jede Last und damit eine Gelegenheit
zum Wachstum abnehmen. Aber wir können ihnen eine Unterstützung anbieten,
wenn ihre Kräfte versagen, wenn oder am besten bevor ihr Rücken sich
krümmt und die Umgebung ihres Herzens sich verhärtet. Auch
können wir uns nicht vor jeder unbequemen Last drücken und müssen
auch, wenn unser Rücken zu brechen droht, manchmal die äußere Haltung
bewahren und unseren Mann oder unsere Frau stehen.
Aber wir können
uns bemühen, immer nur die Last des gegenwärtigen Augenblicks und
diese mit dem Bewusstsein ihres Sinnes und ihrer Notwendigkeit zu
tragen. Und
damit können wir oft bereits die Not wenden. Eine
mit Freude getragene Last ist oft gar keine Last mehr und zeigt uns
ihren Sinn.Und ein Sinn ist es, zu lernen, das wir Liebe nicht erkaufen
können und nicht zu erkaufen brauchen durch das Tragen von Lasten.
Ein Sinn ist es
auch zu lernen, Unverdautes nicht herunter zu schlucken, sich nicht
immer zu ducken, sondern auch Mal die Stirn zu zeigen, den Kloß im
Hals oder die Wut im Bauch herauszuschreien und sich Manches auch
den Buckel herunter rutschen zu lassen. Es
ist auch sinnvoll und macht Spaß, sich durch ständiges Üben einen
stabilen Halt in einem dynamischen Gleichgewicht zu verschaffen: auf
der körperlichen Ebene durch eine kräftige, dehnbare und entspannte
Muskulatur, auf der seelischen Ebene durch regelmäßig, gereinigte
Energiekanäle und ein sensibles Körper- und Gefühlsbewußtsein und
auf der geistigen Ebene durch eine freie, in ihrer natürlichen Ordnung
zentrierte Persönlichkeit. Wir brauchen die Belastung aber nicht nur,
um daran zu wachsen. Wir brauchen sie auch, um zu lernen Unterstützung
anzunehmen und das Miteinander zu leben. Wir brauchen sie, um zu lernen,
äußere und innere Kraftquellen frei zu legen und eine Verbindung zu
werden für die Kräfte von Himmel und Erde.
Und wir brauchen
sie, um die Phasen der Entlastung besser genießen und schätzen zu
können, denn wie unsere Bandscheiben leben wir vom ständigen Wechsel
angemessener Be- und Entlastung. Und
dann ist das Leben auf der Erde nicht mehr nur eine Last auf unserem
Rücken.
Die Erde trägt
uns und wir lernen ihr, nicht nur im Liegen, das Gewicht unserer Last
abzugeben. Die
Erde mit der Kraft ihrer Elemente kann auch zur reinigenden und erfrischenden
Quelle unserer Lebenskraft, der Schule unserer Aufrichtungskraft und
dem Betätigungsfeld unser Schöpfungskraft werden.
Ihre Schönheit
und Vielfalt kann sich in unserer Lebensfreude ausdrücken und uns
die Tür zum Erlebnis auch der inneren Schönheiten weisen. Der Schlüssel
für diese Tür ist die freie Entfaltung unserer Wirbelsäule. Die
aufrechte Haltung in Kopf und Becken und die Kunst frei und bewußt
zu atmen öffnen das Tor für den freien Energiefluss in unserer Wirbelsäule,
unserem ganzen Körper und in Kontakt mit unserer Umgebung.
Wir ruhen in einem
stabilen und entspannten innerem und äußerem Gleichgewicht. Auch
in Zeiten der Belastung verlieren wir nicht völlig die Verbindung
zu innerem und äußerem Rückhalt und finden immer wieder schnell zurück
zu unserer Mitte. In
Zeiten der Ausgeglichenheit strahlen wir Ruhe, Kraft und Lebensfreude
aus. Sind
wir eingestimmt auf das Leben wird unsere Wirbelsäule zu einem Kanal,
über den uns in jeder Situation, die nötige Kraft gegeben wird, die
wir für eine optimale Erfüllung unserer Aufgabe brauchen.
Diese kann darin
bestehen eine Arbeit in genussvoller Konzentration und höchster Sorgfalt
zu vollbringen, eins zu werden mit der Schönheit einer Landschaft
oder der Stimmung eines Sonnenunterganges, sich in tiefer Stille von
einer schönen Musik durchdringen zu lassen, gemeinsam entlang der
Wirbelsäule atmend mit einem Partner zu gemeinsamen Höhenflügen zu
verschmelzen, die Blume oder die Tiefe im Blick eines Passanten am
Rande Straßenkreuzung zu sehen.
Mit der verbesserten
energetischen Versorgung der in und vor unserer Wirbelsäule gelegenen
Energiezentren verbessert sich auch die Versorgung unserer inneren
Organe, unser Immunsystem, das hormonelle Gleichgewicht und die Wahrnehmungskraft
der Sinnesorgane. Wir werden feinfühliger für die Energie in unserem
Körper und unserer Umgebung, unseren eigenen und fremden sowie den
gemeinsamen Gefühlen und Gedanken, Schwachstellen und Stärken.
Mit den Augen
und Ohren des Herzens sehen und hören wir in den Geschehnissen des
alltäglichen Lebens Botschaften, Gleichnisse und den Sinn des Lebens.
Mit dem
freien Fließen der Lebensenergie in unser Wirbelsäule und der freien
Entfaltung unserer inneren Wahrnehmungskraft relativiert sich auch
die Dominanz von Denken, Wollen und Handeln in unserem Leben. Wir
lernen die Schönheit und Stille unseres Da-seins zu geniessen und
werden frei für die Berührung mit dem Ursprung und der Grundenergie
allen Lebens, dem, was wir als Liebe bezeichnen.
Und das ist vielleicht
die edelste Aufgabe unserer Lebenssäule: eine Ausdrucksform zu schaffen
für die Schönheit und Liebe, die wir in uns spüren. So
hängt also die Lebensqualität, die Lebensdauer und der Lebenssinn
unser Lebenssäule ab von der einfühlsamen Pflege unseres Körpers,
vom freien Fluss der Lebensenergie über unsere Wirbelsäule in den
ganzen Körper und der freien Entfaltung unserer Seele.
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Bericht : Dr. Khalil Kermani / 57234 Wilnsdorf