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Der universale Sufismus -
ehrwürdige Weisheitslehre
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nach oben Der Sufismus beruht auf den unmittelbaren Gotteserfahrungen der Mystiker. Man kann ihn als eine Art religiöse Philosophie bezeichen, die sich allerdings nicht nur an den Verstand, sondern auch an das Herz wendet, zugleich und vor allem ist er ein individueller Übungsweg zu geistigem Wachstum. Sein Wesenskern ist die Vorstellung von der Einheit alles Seienden, d. h. von einem einzigen zugleich transzendenten und immanenten Gott, der sich in allem, was es in der Welt gibt, manifestiert. Seine Wurzeln reichen weit zurück, und es gab u. a. Einflüsse der griechischen Philosophie, des Buddhismus und des Christentums. Im Mittelalter haben sich die orientalischen Mystiker, die man Sufis oder Derwische nannte, teilweise am Koran orientiert, standen aber oft im Gegensatz zur herrschenden islamischen Orthodoxie und mußten dafür nicht selten ihr Leben hingeben. Einige der vielen Facetten des Sufismus lassen sich mit manchen bedeutenden Sufis verknüpfen; einen kleinen Eindruck möge die folgende Auswahl vermitteln: 

Die Sufi-Heilige Rabia (gest. 801 n. Chr.) trat entschlossen der Scheinfrömmigkeit entgegen, al- Harith al-Muhasibi (gest. 857) lehrte die ständige Gewissensprüfung, Dhu'n-Nun (gest. 859) besang das Göttliche in der Natur und erkannte im Leid eine Möglichkeit zur seelischen Entwicklung, al-Hallaj (ermordet 922) richtete seine Religiosität ganz auf persönliche Gotteserfahrung aus, Hujwiri (gest. um 1071) betonte die Bedeutung des eigenen Entschlusses anstelle der Prägung eines Menschen durch die Vergangenheit. Abu Hamid al-Ghazzali (gest. 1111) ermunterte den Menschen zu einer durch Gottes- und Nächstenliebe geheiligten Lebensweise, dessen Bruder Ahmad Ghazzali (gest. 1126) sprach von Gott und Mensch, die wie Spiegel füreinander sind. Sanai (gest. ca. 1131) ermahnte die Menschheit, aufzuwachen und die Lebenszeit zu nutzen, bei Fariduddin Attar (gest. um 1220) begegnet uns die Erkenntnis dessen, daß wir das, wonach sich unsere Seele sehnt, im Grunde in uns selbst tragen. Ibn 'Arabi (gest. 1240) lehrte die Möglichkeit der Erkenntnis Gottes, indem wir aus seinen Zeichen im Vergänglichen das erkennen, "was durchscheint durch das, was erscheint". Mu'inuddin Chishti (gest. 1236) verlangte von seinen Schülern "Großmut wie der Ozean, Milde wie die Sonne und Bescheidenheit wie die Erde"; er gründete in Indien einen segensreichen, wegen seiner Toleranz und Musikpflege hochgeschätzten Orden. Eine andere, besonders durch den Derwischtanz bekannte Bruderschaft geht auf Jelaluddin Rumi (gest. 1273) zurück, der - lange vor Darwin - in der Evolution eine grundlegende Eigenschaft des Universums erkannte. Überhaupt findet sich eine ganze Reihe moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse bereits im überlieferten Sufismus.

Im Jahre 1910 kam der angesehene indische Sufi und Musiker Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan (1882 - 1927) in den Westen, um den ersten Sufi-Orden in Europa und Amerika zu gründen. Seine Lehre steht einerseits ganz in der ehrwürdigen Tradition und identifiziert sich weitgehend mit den oben angedeuteten Einsichten und Haltungen, insbesondere mit denen des Chishti-Ordens. Andererseits hat Hazrat Inayat Khan dem Sufismus durch einen überkonfessionellen Akzent neue Form und Kraft verliehen und ihn damit zu einer religionsverbindenden Botschaft von Liebe, Harmonie und Schönheit weiterentwickelt.

Dieser universale Sufismus verkündet die Göttlichkeit jeder menschlichen Seele und betont den gemeinsamen Ursprung und die einheitliche Essenz der Religionen, womit die Achtung aller ihrer Meister, Heiligen und Propheten als Botschafter des einen Gottes verbunden ist. Er lehrt, daß die Welt viel reichhaltiger ist und daß es in der Vielfalt der Erscheinungen viel mehr Zusammenhänge gibt, als wir gewöhnlich wahrnehmen. Dabei ist wichtig, alles aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu können und die Einheit der Gegensätze zu erkennen. Es gibt aber weder Dogmen und Vorschriften noch Autoritätsgläubigkeit. Die Freiheit des einzelnen wird gewürdigt - dies auch im Sinne einer Ermunterung, daß man sich innerlich von seinen Lebensumständen, Begierden und Ängsten befreien kann. Wesentlich ist der Blick auf den Zweck des Lebens, der vor allem in Erweckung und Meisterschaft besteht, beides in einem sehr weiten Sinne:

Die Lehre Hazrat Inayat Khans will dazu befähigen, daß wir aus dem mittelmäßigen Denken heraus zu einem erweiterten Bewußtsein hin erwachen und uns unserer göttlichen Erbschaft gewahr werden, d. h. die in uns schlummernden göttlichen Qualitäten entdecken und fördern und in ständiger Gegenwart Gottes leben, um unser Leben besser zu verstehen und zu meistern und mehr Liebesfähigkeit zu entwickeln. Die Mittel dazu sind u. a. das Eintauchen in die Gedanken der großen Mystiker (auch der christlichen), verschiedene Atemübungen, vor allem aber ein reicher Schatz an (teilweise individuell gegebenen) Meditationsformen. Wesentlich ist ebenfalls der dhikr, das gemeinsame Gottgedenken auf Sufi-Mantren, wobei auch der Drehtanz praktiziert wird. Eine von Hazrat Inayat Khan eingeführte Neuerung ist der "universelle Gottesdienst" mit Lesungen aus den heiligen Schriften und geistlicher Musik der großen Religionen. Er regte weiterhin die Gründung eines Heilordens, einen ökologisch orientierten Zweig mit naturbezogenen Ritualen (ziraat) und den Bau eines universellen Tempels für alle Religionen an, auch inspirierte er die "Tänze des universellen Friedens".

Hazrat Inayat Khans Sohn und Nachfolger, der studierte Philosoph, Musiker und Psychologe Pir Vilayat Inayat Khan (geb. 1916), entwickelt den Orden ebenfalls kreativ weiter. So begründete er eine Reihe sozialer Projekte, z. B. in Indien. Pir Vilayats ausgeprägtes Interesse für andere geistige Traditionen führte zu sehr intensiven und fruchtbaren interreligiösen Kontakten. Interessante und recht wesentliche Hilfen sind moderne Physik, moderne Naturphilosophie und Jungsche Psychologie, die Pir Vilayat gern zur Veranschaulichung sufischer Einsichten heranzieht. Bemerkenswert ist ferner die feinsinnige und umfangreiche Pflege der geistlichen Musik verschiedener Traditionen, vor allem der Johann Sebastian Bachs. In solcher Aufgeschlossenheit, dem Einbeziehen neuer, den Zielen der Erweckung und Meisterschaft dienlicher Themen, Sichtweisen und Praktiken sowie in der schon erwähnten Freiheit von Dogmen zeigt dieser moderne Sufismus eine auffällige Dynamik und Frische. Er mahnt ein holistisches (ganzheitliches) Denken an und möchte, nach Hazrat Inayat Khan, "das Bewußtsein der Menschheit ... für die göttliche Bestimmung des Menschen" wecken. Dadurch eignet sich diese "befreite Spiritualität" (Pir Vilayat) als universale geistige Botschaft für alle Menschen der Gegenwart und kommender Zeiten.

4/99 Bericht : Dr. K.-P. Jabir Dostal/Zenit/Göttingen

Interessenten sind eingeladen zu den regelmäßigen Sufi-Abenden in zahlreichen deutschen Städten, zu den jährlichen Sommercamps oder anderen übers Jahr verteilten Seminaren.

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